Konzertbericht: Imperial State Electric und Graveyard am 28.10.15 in der Essigfabrik Köln

Lange Haare, Cannabis-Schwaden, Flanellhemden, Jeansjacken, kaputte Hosen und Turnschuhe: Bin ich wieder in meiner Schulzeit gelandet? Nein, ich bin auf dem Konzert von Graveyard in der Essigfabrik. Ich hatte mich schon gewundert, wieso alle hier so gut drauf sind.

Die Essigfabrik ist schon früh ordentlich gefüllt, man hat aber noch Platz, es ist angenehm und familiär (wenn man unter Stonern, Slackern und übel tätowierten Bikern aufgewachsen ist). Drinnen gibt es nicht viel zu tun und auch der Merchstand ist sehr übersichtlich. Deshalb beschließe ich, vor dem Konzert noch einmal die Toilette aufzusuchen. Kein Klomann versperrt mir den Weg, das lobe ich mir, aber vor den Waschbecken bleibe ich doch einen Moment lang stehen und zögere: Im März bei den Kassierern habe ich gesehen, was alles mit diesen Becken geschehen ist und ob man sowas wieder rausbekommt? Ich fasse mir ein Herz und wasche meine Hände, es ist schließlich ein Rockkonzert – Leben am Limit! Hygiene fetzt und ich hab jetzt Bock auf Rock!

Imperial State Electric

DSC07612Um 20 Uhr legen die vier Schweden von Imperial State Electric mit einem Schlagzeugintro los, das ohne Unterbrechung direkt in die erste Nummer übergeht. Sofort ist klar: Wir haben es mit Voller-Pulle-in-die-Fresse-Rock zu tun. Imperial State Electric ist nämlich das Baby von Nicke Andersson, früher bei The Hellacopters und Entombed, da darf man nichts anderes erwarten als ein Brett. Die Band bringt eine starke Rockshow und die Zuschauer gehen dankbar mit. Zwischen den Songs erklärt Andersson: „Die Stimmung ist der Hammer! Es ist zwar ein Mittwoch, aber es fühlt sich mit euch an wie Freitag. In der der Welt von Imperial State Electric ist es immer Freitag, ich werde es mir also gut gehen lassen!“ Das Publikum tut es ihm gleich und folgt auch seinen weiteren Forderungen gerne: „Ihr solltet euch selbst dafür applaudieren, dass ihr an diesem Abend hier seid, um Imperial State Electric und Graveyard zu sehen! Eine gute Entscheidung!“ Wir sind bekannt für unseren exquisiten Geschmack.

Der Sound ist fett, die Stimmung wird immer besser und die Musiker spielen sich den Arsch ab. Sie bieten straighten Rock irgendwo zwischen AC/DC und Airbourne, mit Kiss-ähnlichen Refrains und gedoppelten Lead-Gitarren-Parts à la Thin Lizzy. Bester Retro-Rock also mit modernem Sound, der auch heute noch funktioniert. So eine Show hat man zwar schon oft erlebt, aber wenn sie mit soviel Spaß und Enthusiasmus daherkommt, guckt man sie sich gerne immer wieder an.

Gegen Ende der Show werden lustig die Instrumente getauscht. Gitarrist Thomas Egge geht an den Bass und Bassist Dolf de Borst, der sonst noch Mitglied bei The Datsuns ist, geht ans Mikrofon. Bei ihm ist schon tiefster Movember (in der Welt von Dolf de Borst ist immer Movember), aber auch am Bass oder Mikrofon ist der Mann ein Biest. Diese Band rockt in jeder Konstellation. 45 Minuten sind vorbei, die Band ist klitschnass, genau wie mancher im Publikum. Nach einem großen, ausufernden, nicht enden wollenden Rock-’n’-Roll-Ende verlassen Imperial State Electric unter tosendem Applaus die Stage. Einen besseren Anheizer als Imperial State Electric kann sich eine Rockband kaum wünschen.

Graveyard

DSC07613Ein einzelner Roadie mit Trucker-Mütze und Plauze führt jetzt den Line-Check durch. Er verschwindet mehrmals hinter den Kulissen, kehrt irgendwann aber mit einer Fuhre feinsäuberlich gefalteter Handtücher unterm Arm zurück und legt sie sehr ordentlich auf die Verstärker. Er schaut sich skeptisch um, nickt schließlich langsam. Handtuchmann ist zufrieden, es kann losgehen.

Es ist 21:15 Uhr, die Lichter werden gedimmt, das Intro beginnt, die Erwartung steigt. Graveyard kommen die Treppe hoch und legen mit „Magnetic Shunk“ dem Opener ihres neuen Albums „Innocence & Decadence“ los. Ich verziehe mein Gesicht: Der Sound ist beschissen. Was eben noch bei Imperial State Electric super funktionierte, ist jetzt dumpf und matschig. Kein Bass, kein Druck, nur Pampe aus den Boxen und dazu ein schrecklich übersteuerter Gesang. Ich halte tapfer durch, warte darauf, dass der Mischer eingreift, doch es geschieht nichts. Langsam bekomme ich die Befürchtung, dass das so soll… Retro und Vintage hin oder her – Wie vom Diktiergerät muss es ja auch nicht klingen. Ich finde mich damit ab, die meisten anderen scheint es ja auch nicht zu stören.

Ab dem dritten Song wird der Sound gefühlt etwas besser, oder meine Ohren haben sich daran gewöhnt. Schade, weil das Problem liegt definitiv nicht bei der Band: Sie spielen tight und mit viel Gefühl. Sänger Joakim Nilsson ist Live mindestens so gut wie auf Platte. Er hat das Zeug dazu, einer der ganz Großen zu werden. Nach ein paar Songs muss er aber eine Pause einlegen und verkünden: „Sorry, we have some technical difficulties.“ Handtuchmann eilt wie aus dem Nichts herbei und behebt die technischen Probleme fachmännisch mit einer Rolle Gaffa-Tape. Kein Ding für Handtuchmann: Der ausziehbare Schwenkarm des Mikrofonständers war nicht ganz fest und neigte immer ein wenig zuweit nach links. Wo das jetzt geklärt ist, lasse ich meinen Blick über die Menge schweifen: Was sich manche in den vorderen Reihen anscheinend so reingezogen haben, das möchte man auch mal bekommen. Sie tanzen psychedelisch, fast epileptisch, werfen das Haar nach vorne und hinten, fahren mit den Händen durch die Luft, als wäre Woodstock wirklich geschehen und nicht nur ein Film. Alberne junge Menschen.

Graveyard haben prinzipiell nur zwei verschiedene Modi: kratziger, harter, ein wenig düsterer Rock mit Psychedelic-Elementen, oder langsame soul- und bluesdurchtränkte Nummern, bei denen Nilsson stimmlich brilliert und Jonatan Larocca Ramm an der Gitarre. Es kann sich hören lassen, aber der Funke will heute Abend irgendwie nicht überspringen, manchmal gibt es einfach solche Tage. Ich weiß auch nicht genau, ob es an mir oder an Graveyard liegt. Sie machen was sie sollen und spielen ein solides Set mit neuem Material und alten Hits, trotzdem wirkt das alles ein wenig lustlos. Mehr als ein kurzes „Danke Köln!“ richten sie nicht an die Leute und auch untereinander gibt es keinerlei Interaktion. Alle Mitglieder verstecken sich die meiste Zeit über hinter ihren langen Haaren. Vielleicht schützen sie aber auch nur ihre Augen vor den 5 fiesen Flutlichtern, die hinten auf der Bühne stehen und die auch mich das ganze Konzert über hart rannehmen. Ich werde von ihnen extrem in die Fresse geblendet, sodass ich kaum etwas sehen kann. Verpisst euch Flutlichter: Mir ohne Grund in die Augen leuchten lassen, das muss ich schon nachts immer auf dem Heimweg.

DSC07630Nach einer knappen Stunde verlassen Graveyard die Bühne. Die Zuschauer wollen aber noch mehr und verlangen nach einer Zugabe. Handtuchmann erscheint, schnappt sich eine Gitarre und gibt einen guten alten E-Akkord zum Besten. Der E-Akkord funktioniert noch, Handtuchmann verschwindet und Nilsson betritt allein die Bühne. Er spielt eine packende Solo-Version von „Stay for a Song“ und das nimmt einen nun wirklich mit. Die Band kommt unter großem Applaus zurück und da ist sie, die ersten Interaktion zwischen Band und Publikum: Gitarrist Ramm prostet auf dem Weg zur Gitarre der Menge mit einem Bier zu. Ein magischer Moment. Wir fühlen uns wie Eins. Es folgen noch die aktuelle Single „The Apple And The Tree“ und eine epische Version von „The Siren“, die beweist, dass Graveyard es total drauf haben, wenn sie denn wollen. Bei diesen beiden Liedern ist zu spüren, dass Graveyard sich der Musik hingeben, dass sie Lust darauf haben, zu spielen. Vorher hatte es mitunter denn Anschein, als würden sie nur soviel machen, wie sie halt müssen und nicht ein bisschen mehr. Das erinnert mich dann doch wieder an meine Schulzeit, der Unterschied ist nur, dass ich dafür nicht bezahlt wurde.

Sänger und Gitarrist Joakim Nilsson

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.