Konzertbericht: The Ocean, Mono und Sólstafir am 26.10.15 in der Live Music Hall Köln

„Elfenbeinturm-Elitismus“ oder „Schwing deinen Arsch dahin!“

Es ist Montag und ich sitze wieder doof in meiner Klause und friste mein snobistisches Nischendasein im Ohrensessel. Privat höre ich nämlich ausschließlich Soundscape-Black-Ambient-Viking-Shoegaze-Post-Progressive-Avant-garde-Instrumental-Sludge-Alternative-Psychedelic-Noise-Metal-Rock und das möglichst aus fernen und fremden Ländern. Es ist klar, dass ich deswegen nicht oft nach draußen komme. Doch worauf stößt da mein verächtlicher Blick? Ich verschlucke mich fast am Cognac und mein Monokel fällt zu Boden: The Ocean, Mono und Sólstafir sind gemeinsam auf Tour und machen Halt bei mir in der Gegend? Heilige Scheiße, ich habe ein Date!

In den meisten Fällen sind solche Band-Packages ja gewaltige Mogelpackungen: Man will maximal eine Band wirklich sehen, muss sich dafür aber erst durch 5 Teenie-Deathcore-Bands vom Lande quälen, die nur dabei sind, um die Ausgaben für die Tour mitzutragen. Heute gibt es aber ein wirkliches Pfund: Ein bunter Strauß voll unterschiedlichster Spielarten des Metal und Rock von drei Bands,  zu denen ich auch einzeln gehen würde. Ich verlasse meine Gruft, schnappe mir den Zylinder und die Segway-Schlüssel und mache mich auf den Weg zur Live Music Hall.

Dort angekommen, lässt sich die zu erwartende Qualität der musikalischen Darbietungen sofort erahnen: Circa ein Drittel der Konzerthalle ist mit rotem Stoff abgehangen, damit es später nicht so leer aussieht 🙁 . Zusätzlich hat der Veranstalter als Schmankerl einen alten Streich angewendet, denn es geht stark auf Halloween zu: Auf den Eintrittskarten steht Beginn 20 Uhr, in Wirklichkeit fängt The Ocean aber schon um 19:30 Uhr an. Das ist scheiße für die Band und noch beknackter für alle Fans, die sie deswegen verpassen.

The Ocean

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The Ocean im Nebel – Meine Handykamera lässt ebenfalls keinen Fokus erkennen

The Ocean beginnen ihr Set also pünktlich um 19:30 Uhr und trotz der falschen Zeitangabe versammelt sich eine ansehnliche Menge in der Halle. Die Bandmitglieder, sie verstehen sich eher als Kollektiv, sind mindestens zu siebt, aber vielleicht haben sich auch noch mehr Musiker irgendwo im dichten Nebel versteckt. Die Gestalten werden von hinten angestrahlt und so sieht man nur Konturen und Schatten. Bei The Ocean steht die Musik im Vordergund und nicht die einzelnen Musiker.

Ihre Musik verbindet extremen Metal mit orchestralen Parts, zermürbende Polyrhytmik (eine Prise Djent ist in den meisten Songs dabei) und harte Riffs mit schwerelosen und einprägsamen Melodien. Mein Problem mit vielen ihrer Songs ist es, dass sie viel zu viel wollen, konzeptuell wie musikalisch, und das möglichst sofort und gleichzeitig. Manche Passagen klingen dadurch fast wie ungewollt parodistische Zirkusmusik, zu pompös und für meine Verhältnisse zu „gimmicky“. Einige Stellen sind kaum songdienlich, wirken unnötig überladen, nur um den Eindruck von Komplexität zu vermitteln, und besitzen wenig erkennbaren Fokus. But yeah, well, that’s just like, my opinion, man.

Dieser Auftritt von The Ocean hat aber gezeigt, was die Musiker potentiell drauf haben und wieso sie Live unbedingt zu empfehlen sind. Besonders der aktueller Sänger Loïc Rossetti macht eine erstklassige, von hinten angestrahlte Figur. Seine Shouts und Growls sind brutal und energetisch und auch sein cleaner Gesang ist auf den Punkt. Zum Abschluss spielen The Ocean noch ihren neuen Song „The Quiet Observer“ von ihrer aktuellen Split „Transcendental“ mit Mono, welcher eindeutig zu ihren härtesten gehört und das Prädikat „Qualitäts-Sludge“ mit Auszeichnung verdient. Doch hören Sie selbst:

Mono

IMG_20151026_203711Mit orchestraler Begleitung aus den Boxen richten die vier Musiker von Mono aus Japan ihren Arbeitsplatz persönlich ein. Ihre Backline wirkt fast minimalistisch gegen die von The Ocean, aber es kommt ja darauf an, was man damit macht. Nachdem alles an Ort und Stelle steht, ertönt als Intro eine Arie. Wenn Hegels Denken Ausdruck des Weltgeistes ist, dann ist die Musik von Mono die zu Laut gewordene Form des Weltschmerzes. 

So vieles, was rede ich da, fast alles ist schief gelaufen. All die Trauer, der Schmerz, das Leiden und die Sehnsucht: in ewiger Variation, in unendlicher Wiederholung. Nur die darunter liegenden Töne haben sich verändert, doch die Stimmfärbungen sind völlig unterschiedlich. Die Gedanken driften ab, gehen in das Früher und in die unbekannte Weite. Klanglandschafts-Malerei. Das Verlangen ist übermächtig, doch wonach? Es muss irgendwo in diesen Tönen, im Tremolo, im Crescendo, in den Urgewalten des Noise verborgen sein. Wir waren so nah dran. Die physische Welt kann niemals bieten, was der Geist verlangt. Die Trauer übernimmt die Oberhand, den Tränen nah, war alles vergebens? Die Mühen, das Vertrauen, unsere Liebe und der Wille.

Die Schönheit und Ruhe erdrückt, nimmt den Atem, reißt mit in finsterstes Unten. Ein Glockenspiel erledigt den Rest. Der Druck ist zu hoch, wir sind keine Taucheruhren, wir sind nicht gemacht für eine Tiefe von 12.000 Metern. Doch Mono lassen niemanden untergehen. Um in höchste Himmel zu gelangen, müssen die Wurzeln eines Baums bis hinab in die Hölle reichen. Apotheose in Noise. Gitarrensound schneidet sich ins Innerste. Harmonie, Lärm und Lautstärke verschmelzen, werden Einheit und in diesen Momenten weiß man wieder, wieso man das alles noch mitmacht. Es gibt wahrhaftig noch etwas Anderes, etwas Ätherisches und Transzendentales: Es gibt die Musik von Mono. Sie bietet keine Antwort, doch ist auch die in Ton gegossene Frage nach der Hoffnung ein Verdienst.

Das klingt nach platter Romantik, übertriebenem Pathos und billigster Gefühlsduselei?  Wir dürfen das, da sind auch E-Gitarren dabei und auf dem Konzertplakat stand schließlich irgendwo auch was von „Rock“ und „Metal“. Wir sind und bleiben also trotz der ganzen Emotionen super-heavy. Doch alles muss vergehen und so verlassen Mono nach ein bisschen mehr als einer Stunde die Bühne. Viel länger hätte ich es vermutlich auch nicht verkraften können. Mono – Verschreibungspflichtig, Für und gegen Weltschmerz, die empfohlene Dosierung nicht überschreiten. Takaakira Goto, Komponist und Lead-Gitarrist von Mono, verabschiedet und bedankt sich danach noch persönlich beim Publikum und verspricht, möglichst bald wieder nach Köln zu kommen. Ja, bitte!

Lustig ist, dass auch Mono gerade eine Split mit The Ocean herausgebracht haben, die auch „Transcendental“ heißt. Zufälle gibts, die klingen so:

Sólstafir

Gegen 22 Uhr begibt sich der Headliner des heutigen Abends auf die Bühne: Sólstafir. Die vier Musiker tragen die traditionelle Kluft der Isländer: enge Jeans, Lederboots, Westernhut und Sonnenbrille. Cowboys from Space, aber mit Banjo unterm Arm. Diese Tour ist erst ihre dritte durch Europa, aber bei den letzten beiden haben sie offensichtlich ordentlich Fans dazugewonnen. Die Halle ist noch besser gefühlt als bisher und in den vorderen Reihen wird es langsam ziemlich eng. Irgendwie stehen jetzt auch mehr Mädels vor der Bühne, als es bei The Ocean und Mono der Fall war. Merkwürdig…

Die atmosphärische Musik von Sólstafir lebt ebenfalls von den Extremen: verträumte Klänge treffen aufIMG_20151026_220437 kraftvollen treibenden Rock, Psychedelic oder vom Black Metal inspiriertes Geballer. Die Lightshow unterstreicht diese Kontraste noch. Die Bühne ist fast  durchgehend in blau und rot getränkt. Im Zusammenspiel ergibt sich das typische Bild von Island: Land aus Eis und Schnee sowie der heißen Quellen und aktiven Vulkane.

Über allem thront die Stimme von Sänger, Gitarrist und Entertainer par excellence Aðalbjörn Tryggvason (Ich hab das mal aus Wikipedia rauskopiert, wenn’s O.K. ist, ne?). Er stößt herzzerreißende Schreie aus, säuselt sehnsüchtige Melodien und kreischt puren Hass ins Mikrofon. Dieser elbenhafte Hüne lebt mit Haut und viel Haar dafür, auf der Bühne zu stehen und vom Publikum gefeiert zu werden. Er post mit und ohne Gitarre, tanzt wie im Rausch, verliert sich völlig in seinem Gesang und animiert gleichzeitig die etwas müde gewordene Menge mit Erfolg zum Mitmachen. Man kann ihm unterstellen, dass dieses Rockstar-Gehabe schon etwas übertrieben daherkommt, aber zum Schluss der Sólstafir-Show ist die Stimmung vor der Bühne fantastisch, was zu großen Teilen ihm allein anzurechnen ist. Mit seiner Performance hat er unter Beweis gestellt: Techno Viking kann einpacken – Viking-Metal-Viking macht die bessere Show.

Um 23 Uhr ist schließlich Schicht im Schacht. Tryggvason springt noch ein letztes Mal in die Menge, verteilt Handshakes, High-Fives und Umarmungen und dann schieben sich die Massen schnell nach draußen in die Herbstnacht. Es ist spät, keine Zeit verlieren, der Alltag ruft die Leute wieder zu sich und zur Vernunft. Man mag ihm verzeihen, solange es ab und an solche Veranstaltungen mit beeindruckenden Künstlern wie Sólstafir, Mono und The Ocean gibt.

 

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