Konzertbericht: The Sword am 11.09.2015 im Luxor Köln

Vorgeplänkel

Es ist 18:30 Uhr und ich sitze allein im Luxor. Weil halb 7 eine ganz normale Zeit für ein Metalkonzert an einem Freitag ist, stehen die paar Anwesenden, welche den Hinweis auf den pünktlichen Beginn wirklich Ernst genommen haben, lieber noch so lange wie möglich vor dem Club herum und trinken ihre Kiosk-Biere gemütlich im Sonnenschein. Weil ich allerdings keine Freunde habe, Heute nichts trinken kann und intensiv Recherche betreibe, sitze ich lieber drinnen in einer dunklen Ecke und weiß nicht recht, was ich mit mir anstellen soll. Durch Muße und Kontemplation wird sich mir aber vielleicht noch erschließen, was man bei einem Konzert machen kann, ohne eine Buddel in der Hand zu halten. Öfter mal was Neues. Obwohl man Konzertberichte normalerweise nur deshalb liest, um mehr über sozialen Inkompetenz des Autoren zu erfahren, möchte ich mich an dieser Stelle nun doch, wenn es denn genehm sein sollte, einigen unumstößlichen Fakten dieser hier zu behandelnden Musikdarbietung widmen. Wohlan.

[DRIVERS INC]

Gegen 19 Uhr (von wegen: „Bitte beachtet den pünktlichen Beginn an Freitagabenden!“) betreten [DRIVERS INC] aus Kaiserslautern / Mannheim die Bühne und der vordere Teil des Luxors füllt sich zunehmend. Die vier Musiker leisten einen mehr als ordentlichen Job als Anheizer und bringen den Laden mit ihrer Mischung aus Rock, Alternative und verschiedenen Spielarten des Metal trotz der frühen Uhrzeit in Konzertlaune. Ihre Songs bestehen aus wuchtigen und vertrackten Riffs und Grooves, in den Refrains trauen sie sich aber auch an eingängigere Melodien heran. Diese Mischung funktioniert erstaunlich gut, was auch der Saal so sieht und es der Band mit gepflegtem Kopfnicken quittiert. Besonders ihr Frontmann weiß mitzureissen. Wenn er an die Belastungsgrenzen seiner Stimme geht, hört er sich fast an wie Billy Idol zu seinen besten Zeiten. Kurz vor Ende teilt er mit, dass es ihnen eine besondere Ehre sei, für The Sword als Vorgruppe zu spielen. Leider habe man aber den Fotografen “an den Alkohol verloren“ und würde sich deswegen über ein paar Fotos des Auftritts freuen. Nach einer guten halben Stunde treibender Rockmusik verabschieden sich [DRIVERS INC] und weisen noch auf ihr brandneues Video hin, das in den kommenden Tagen auf Youtube Premiere feiert.

Exkursion: Stange Wasser wegstellen

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Ich verabschiede mich auch und verschwinde unauffällig zur Toilette. Ich habe gute Laune, gleich gibt es schließlich The Sword zu sehen, aber dann fällt mein Blick auf ihn: Der Klomann. Man verstehe mich richtig: Ich rede hier einzig und allein von der besonders schlimmen Variante. Dieses Exemplar sitzt extra mitten im Türrahmen auf seinem Klappstuhl, dass ich erst halb über ihn hinüberkraxeln muss, um überhaupt in die Toiletten zu gelangen. Dabei werde ich doof von oben nach unten angestarrt, aber trotzdem penetrant freundlich gegrüßt: >>Guten Abend!<< Ich habe inzwischen gar keine Lust mehr zu Pinkeln, ich wollte es mir eigentlich eh gerade abgewöhnen, aber wo ich jetzt sowieso schon einmal hier bin… Nach getaner Arbeit steuere ich auf das Waschbecken zu und dann kommt es richtig Dicke: Dieser Hüter des Porzellans hat augenscheinlich seine höchste Entwicklungsstufe erreicht. Er ist der Megazord, der Glurak, der Overlord, der unumstrittene König seiner Spezies: Es gibt kein Papier am Waschbecken. King Klomann muss es dem sich Abwaschenden erst persönlich reichen, aber nicht jeder ist dazu auserkoren. Für den geringen Betrag von mindestens 50 Cent wird King Klomann aber auch dich für würdig erachten und dir das heilige Recycling-Leinen in die nassen Hände drücken. Nicht mit mir! Ich biete dieser Dreistigkeit die Stirn, nuschele leise >>Nein Danke…<<, denke dann aber ganz laut und intensiv >>Muahahahahah!!!<< und trockne meine Hände demonstrativ an meiner Kleidung ab, die zum Glück aus Textilien besteht, welche mit einer kleinen Menge Flüssigkeit fertig werden können. >>Nimm das Klomann!<< koste ich innerlich meinen Sieg aus, während ich über ihn hinwegsteige und hinter mit lasse wie Moses einst das Rote Meer. Nach dieser von mir erstklassig gemeisterten Odysee hat mich der Konzertsaal wieder.

The Sword

Die Roadies bauen bereits die Bühne um und machen einen kurzen Soundcheck, der von dem mittlerweile prall gefüllten Luxor mit Applaus und Johlen begleitet wird. Jetzt werden noch jeweils drei Biere feinsäuberlich nebeneinander auf die Verstärker der Bandmitglieder gestellt. Die Roadies schauen sich um, wirken zufrieden und geben dann mit der Taschenlampe das Signal zum Beginn in Richtung Pult. Die Lichter erlöschen und Spannung macht sich in der Dunkelheit breit. Auf welche Weise werden die psychopharmakologisch angehauchten Musikschamanen von The Sword die Bühne betreten? Werden sie in dunkle Kutten gehüllt, noch schwärzer als schwarz, Grabnebeln entsteigen und hereinlevitieren? Werden sie aus dem Nichts apparieren? Werden sie auf den blutigen Händen nackter Jungfrauen hineingetragen? Nein, nichts von alledem geschieht. Stattdessen startet ihr Konzert, wie jede gute Metal-Show, ganz klassisch und Glenn Frey’s  „The Heat is On“ ertönt aus den Boxen:

https://youtu.be/thcdOE9iHwQ?t=19s

Wenn man da nicht Bock auf eine Portion retrofuturistischen Doom- und Stonermetal bekommt, dann weiß ich auch nicht mehr. Das Publikum ist nach diesem Knaller jedenfalls schon frenetisch am Feiern. Jetzt erschallt das Intro “Unicorn Farm“ ihrer aktuellen Platte “High Country“, The Sword betreten unter tosendem Applaus die Bühne und legen sofort mit dem neuen “Buzzards“ los. Es ist brachial laut, der Sound ist mehr als fett und The Sword befinden sich heute Abend in Höchstform. Ohne Pause geht es weiter mit “Tres Brujas“, einem der zahlreichen Hits ihrer mittlerweile schon über 10 Jahre andauernden Karriere und jetzt hält es keinen Nacken mehr Senkrecht. Die Zuschauer gehen voll ab und auch der Boden des Luxors beginnt begeistert mitzuschwingen.

The Sword beweisen, dass man als Band nur die Basics benötigt, um ein fantastisches Konzert abzuliefern: 2 Gibson-Gitarren, 1 Fender-Bass, 1 minimales Drumset. Man braucht keine riesigen Banner, Boxentürme, Feuerwerke, Konfettikanonen, Trampoline oder großen Worte um die Menge mitzureißen. The Sword zeigen eindrucksvoll, dass gutes Songwriting, ausgefeilte Riffs, gedoppelte Leadgitarrenläufe und eine perfekt eingespielte Rhythm-Section viel wichtiger sind. Überhaupt erlebt man selten eine so tighte Live-Band: Zwischen die Parts der Instrumentalisten passt kein Stück Papier und das macht ihren Sound so tonnenschwer und hart.

Auch die Setlist weiß zu begeistern: Klassiker wie “Freya“ von ihrem ersten Album “Age of Winters“, “Arcane Montane“ von “Apocryphon“ aus dem Jahre 2012, genügend frisches Material wie “Tears Like Diamonds“ oder die aktuelle Single “High Country“, aber auch B-Seiten wie “Hexenringe“ kommen darin vor. So hört sich ein runder Auftritt an, der Querschnitt der gesamten Karriere ist und nicht nur Marketingveranstaltung für ein neues Album. Zwar konnten einige engstirnige Fans mit dem neuen Stil auf “High Country“ nicht viel anfangen, aber die sollten sich selbst ein Bild von den Live-Qualitäten der neuen Tracks machen. Es ist vermutlich das beste Material, was The Sword bisher geschrieben haben und von der Bühne wirken die Songs sogar noch ausgeklügelter, als auf der ohnehin schon gelungenen Platte.

Nach knapp 75 Minuten verlassen The Sword zum ersten Mal die Bühne. Obwohl sie während des Konzerts lautstark gefeiert wurden, dauert es jetzt einige Zeit, bis sich wieder genügend Stimmung aufgebaut hat, um die Band noch einmal hervorzulocken. Nach zwei weiteren Arschtritten und damit insgesamt knapp anderthalb Stunden “Auf-die-Fresse“ ist dann aber wirklich Schluss. Ich werde langsam mit der herausdrängenden Masse mitgeschoben, lege noch einen Halt am Merchstand ein, kann meinem Kleiderschrank aber leider nichts hinzufügen. Es gibt keine schwarzen Shirts in meiner Größe. Mit meiner merkwürdigen Statur muss ich mich aber wohl oder übel damit abfinden. Das ging mir schon des Öfteren so. Verständlich, dass man keine Shirts in M da hat, was ja bekanntlich für Minderheit und Mega-ungewöhnlich steht. Der Großteil der Leute hat schließlich S oder XL. T-Shirtlos trete ich also meine Heimreise an. Zuhause angekommen, merke ich durch das Klingeln auf den Ohren und das Grinsen auf den Lippen, dass ich gerade bei einem richtig geilen Konzert dabei sein durfte.

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