Albenschreiben 18 – The Sword: High Country

Ich weiß nicht, wie lange ich diese Welt schon durchstreife. Ich weiß nur, dass es immer so war. Etwas muss davor gewesen sein, doch ich kann mich nicht daran erinnern. Nur die Ruinen einstiger Tempel geben Zeugnis einer lange verschwundenen Zivilisation. Nichts hält mich an diesem verfluchten Ort. Keine Bindungen, keine Geschwister, keine Familie und kein Volk. Trotzdem gibt es kein Entkommen, ob ich will oder nicht: Ich ziehe weiter durch die Wüste.

Dieses Land ist nicht für Menschen gemacht. Es will mich loswerden und verhindern, dass ich mich weiter in ihm bewege. Der Treibsand giert danach, mich zu verschlingen. Gemäuer drohen mich unter sich zu begraben, wenn ich in ihrem Schatten Zuflucht suche. Ich treffe auf Schluchten, die nicht zu überqueren sind und mich zur Umkehr zwingen. Ich kann nicht sagen, ob ich vorwärts komme, oder mich nur in Kreisen bewege. Die Sonne scheint alles wegbrennen zu wollen, was sich an der Oberfläche befindet und wenn sie untergeht, ist die Kälte kaum auszuhalten.

Nachts, wenn mein Feuer aus vertrockneten Hölzern lodert, kann ich in der Ferne eine Art Heulen hören, vielleicht sind es auch verzerrte Schreie. Es klingt nicht nach Mensch oder Tier. Ich habe den oder die Verursacher noch nie zu Gesicht bekommen, ich fürchte mich trotzdem vor dem Tag, an dem das geschehen sollte. Ich habe auf meiner Reise nichts Lebendes angetroffen, außer diese elenden Pflanzen, die überall zu wuchern scheinen. Ich frage mich, wie sie das schaffen. Ich rücke näher ans Feuer und zwinge mich dazu, zu essen. Die Pflanzen sind die einzige Nahrungsquelle in dieser mörderischen Steppe und auch sie sind nicht für mich bestimmt. Ihre purpurnen Früchte rauben mir kurze Zeit nach dem Verzehr die Sinne und ich verfalle in eine tiefe, die ganze Nacht über andauernde Trance.

Meine Augen öffnen sich und ich sitze auf der Spitze eines gewaltigen Berges. Es gibt nichts zu tun, außer als mit den Bäumen, den Pflanzen, den Tieren und den alten Göttern in Kontakt zu treten. Ich spüre sie. Es fühlt sich alles so vertraut an, aber können sie auch mich verstehen? Von meinem erhöhten Aussichtspunkt kann ich in der Ferne eine Stadt im Tal erahnen. Sie wird ganz von Nebel umschlossen und obwohl die Sonne unaufhörlich brennt, liegt sie in tiefem Schatten. Während ich die Stadt beobachte, verschwindet sie und eine riesige Staubwolke wirbelt an ihrer Stelle auf. Es dauert, bis sich diese verzieht, doch was ich dann zu sehen bekomme, ist noch seltsamer als all meine anderen Visionen und lässt mich seitdem nicht los: Die Stadt erhebt sich samt des Bodens von der Oberfläche und steigt langsam in die Lüfte. Nebel und Schatten haben sich verzogen und ich habe freie Sicht auf die schwebende Landmasse. Ich sehe Grün wohin das Auge reicht. Ich sehe intakte Bauten, Pyramiden und Tempel. Vögel fliegen über dieser Insel in den Himmeln. An ihren Rändern ergießen sich Wasserfälle, die bis auf den trockenen Boden unter ihr niedergehen. Ich muss aufbrechen, mich in Richtung dieses Wunders bewegen, doch weit komme ich nie. Die Vision fängt an zu verblassen und ich finde mich wieder in meinem kargen und staubigen Dasein. Die Nachwirkungen der Pflanze halten noch Stunden an. Mein Magen rebelliert, mein Kopf droht zu platzen und ich befinde mich in einem unangenehmen Zustand zwischen Rausch, Umnachtung und Realität. Ohne die Pflanze müsste ich sterben und so esse ich sie Nacht für Nacht. Ich habe keine Ahnung, wie lange mein Körper das noch mitmachen wird. Ich schleppe dieses Knochenwrack weiter, bis es im Wüstensand auf Grund geht.

Ich habe nichts und somit auch nichts zu verlieren. Ohne diesen Traum, die Vision einer Stadt in den Lüften, hätte ich aber bestimmt schon lange aufgegeben. Manchmal überkommt mich eine unsinnige Hoffnung, dass es die Stadt tatsächlich geben könnte, dass ich ihr schon ganz nah gekommen bin, dass ich sie bald wirklich finde. Mein Hochgefühl trägt mich weiter und ich esse tagelang nicht von den Früchten, um schneller voranzukommen, doch irgendwann verliere ich fast das Bewusstsein vor Hunger und Erschöpfung. Ich habe keine Stadt gefunden. Ich muss essen. Ich laufe in Kreisen.

Ich habe keinen Namen, nicht mehr als einen Traum und ganz egal ob es mir gelingen wird, den mystischen Ort meiner Visionen zu finden: Ich kann niemals ruhen. Eines Tages verwandle ich mich zu Staub und ziehe weiter über diese Welt ohne Frühling, wie ich es bereits im Leben tat.

Empty Temples (audio) – The Sword

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