Bin im Theater gewesen. Habe gelacht.

„Helmut Kohl läuft durch Bonn“ kann natürlich seine Uraufführung nur in Bonn haben. Das erstaunliche Medienecho erklärte sich aber vermutlich auch dadurch, dass das Autorenduo Jakob Nolte und Michel Decar zum ersten Mal eine Uraufführung hatte. Die FAZ hat es gehasst, die nachtkritik aber auch WDR2 waren wohlwollend. Soweit so klar.

Bonn Corleone, Der Bomber von Oggersheim, Citizen Kohl

Klassisches Erzähltheater bei Helmut Kohl zu erwarten ist wohl so absurd wie es klingt. Postmodern das ganze Unterfangen zu nennen, ist vermutlich näher dran an einer Beschreibung, aber klar ist damit natürlich auch wenig. Schon wie das Stück im Untertitel heißt ist nicht so einfach zu beantworten. Es sind wohl weit über 200. Die allein schon zu lesen/hören ist ein Knaller für sich. Und sonst so: Helmut Kohl hat drei (!) Söhne, unter denen das Reich vom großen Kanzler aufgeteilt wird. Nur Querrulant „Helmut Zwei“ muss mit dem Sauerland und/oder Saarland vorlieb nehmen. Helmut Kohl empört sich darüber das Hannelore womöglich den vierten Akt bei „Don Karlos“ überspringt. Kohl und Schmidt treten zum Kanzlerduell an. Aufgabe: Wer kennt mehr afrikanische Staaten. Auch Strauß (nicht Andy), Lafontaine und Schröder müssen antreten. Dietrich Emanuel Egon Maria v. Greifenhagen De La Foret d´Othel, Jean Paul Sartre und die Putzfrau des Kanzleramts spielen eine ebenfalls nicht unerhebliche Rolle in diesem diskursiven Allerhand. (Diese Zusammenfassung ist natürlich so falsch, wie Aufgabe 2 in meiner Deutschklausur 2005 zu Galileo Galilei: Worum geht es in dem Stück? Naja.)

Helmut Kohl läuft den Berlin Marathon und verliert

Im Theater fand man neben vielen jungen Leuten auch durchaus vermeintlich arriviertes bildungsbürgliches Publikum vom Schlage Walter Jens. Von denen verließen einige vorzeitig die Vorstellung. Vermutlich dachten sie, es seien ein paar lockere Sketche vom Schlage Loriot über Kohl zu vernehmen und ansonsten wird ein wenig in Erinnerungen geschwelgt.
Helmut Kohl ist aber keine melancholische Denkfigur sondern nur eine Quellenlage. So heißt es im Stück:
Prof. Heiser heiser: „Wissen Sie, Herr Doktor Kohl, das Schwierigste ist, keine Satire zu schreiben.“
HK: „Das müssen sie jetzt aber erklären.“
Prof. Heiser heiser: „Mit Vergnügen.“ (Ende der Szene).
Und genau das ist der Punkt: Antworten, Analysen und Argumente sind bei einem Theaterabend mit dem Thema Helmut Kohl einfach Banane.
NolteDecar macht nämlich nicht den Fehler eben durch solche Versuche moralisierend zu werden, sondern sie haben viel mehr die Leiter, die sie bei Recherche zu Kohl hochgegangen sind, einfach weggeschmeißen, als sie oben waren und dann gelacht. Und genau das geben sie weiter. Lachen ist keine Form des „bürgerlichen Sadismus“ (Adorno), sondern die Zitate, Persiflagen, zerknitterten Referenzpunkte bringen hier in ihrer Absurdität einen Humor hervor, der erst in dieser extremen Kontext-übersteuerung ihre entlarvende Kraft entfalten. Und das ist verdammt nochmal nie wieder so witzig wie jetzt.
Beim Kanzlerduell gegen Schmidt gewinnt Kohl, weil er scheinbar mehr als drei mal den Senegal auf der Landkarte findet. Die chinesische Freundlichkeit der Sozialdemokratie lässt diesen Betrug aber ungesehen passieren. Denn: If you repeat a lie often enough, it becomes politics.
Aber genug geplappert, schaut euch das Ding in Bonn an und macht mal was Gutes. Lachen oder so.

Läuft noch: 16.2./23.2./18.3./22.3./30.3./
http://www.theater-bonn.de/spielplan/gesamt/?tx_fetheater_veranstaltung%5Bveranstaltung%5D=37&tx_fetheater_veranstaltung%5Baction%5D=show&tx_fetheater_veranstaltung%5Bcontroller%5D=Veranstaltung&cHash=d69af75420a6e00b56a093ca2d438136

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