Literaturensöhne und Töchter

Dem Profi-Stalker wird vielleicht nicht entgangen sein, dass ich unter die Poetry Slammer gegangen bin.

So abgedroschen das klingt; Eine Zäsur ist das aufjedenfall für mich. Im Schnelldurchgang so intensiv eine Szene kennenzulernen, ist eine Erfahrung, die ich nur empfehlen kann. Das muss nicht mal unbedingt Poetry Slam sein.
Ich will jetzt hier aber auch nicht mit irgendwelchen „coolen“ Anekdoten und Geplapper langweilen.
Doch einige Aspekte, die Poetry Slam für mich bisher ausgemacht haben will ich doch mal zur Sprache bringen. Das wird dann ein wenig zu ausführlich und zu knapp ausfallen. Aber whatever. Auf das EinmalEins was es mit Poetry Slams auf sich hat, verzichte ich hier mal. Schließlich seid ihr hier ja im Internet und könnt es zuhauf adäquat nachlesen.

Zum persönlich soziologischen Aspekt: Es ist schon außergewöhnlich wenn Slammer Backstage, Sidestage, On Stage or on the botton of beer aufeinandertreffen. Es ist einleuchtend, dass man da selbstverständlich auf große Sprachkünstler trifft, großartige Leute kennenlernt und sich voll künstlermäßig selber vorkommt ( 😀 ). Doch ebenso treffen dort auch Leute aufeinander, die kein zu geringes Selbstbewusstsein haben. Ich zähle mich da auch explizit dazu. Das ist natürlich auch logisch, wenn man bereit ist, vor bis zu 500 Leuten teilweise sehr persönliche Texte vorzulesen. Da muss man schon ein stückweit Rampensau sein. Doch ist es wirklich interessant, was für eine Dynamik unter solchen Leute entstehen kann. Von „einigen dominierende Gesprächsteilnehmern“ oder „Jemand der im Mittelpunkt stehen will“ zu sprechen, ist pure Untertreibung. Es ist eher eine Super-Saiyan-Blase von ausstrahlenden Sendungsbewussten krassen Typen.
Das soll nicht heißen, alle Slammer sind manisch nach ihrem Ego. Aber es fühlt sich doch hin und wieder wie Trackerfahren auf nem Supermarkt-Parkplatz an: Ist durchaus witzig und macht Spaß, aber manchmal haut es auch nicht so gut hin 😉
Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Gemeinschaft an sich. Die sogenannte Slamily. Insgesamt muss man schon sagen, dass es sehr beeindruckend ist, wie krass man sich gegenseitig unterstützt. Schlafplätze, ein paar Mark mehr Fahrtgeld sind da schon ein Standard. Ich habe sogar schon ein ganzes Line-up Wohnungen umziehen sehen. (Wirklich wahr!). Auch wird da ohne zu zögern von befreundeten Slammern bei anderen Slammastern ein gutes Wort eingelegt. Was dann auch große Auftritte und Einkünfte zur Folge haben kann.
Auf der anderen Seite bleibt bei einer doch noch irgendwie überschaubaren Szene natürlich auch nicht das Lästern und Getuschel aus. So werden manche Slams gemieden nur weil man Gerüchteweise gehört hat, dass da die Currywurst nicht so gut ist. Mitunter wird auch der Ton bei Diskussionen mal arg zynisch. Aber ja, wer in seinem Arbeitsleben schon mal mehr als 5 Kollegen hatte, wird dies mit Sicherheit auch schon erlebt haben. Darüber hinaus entsteht auch bei manch einem Slammer der eben so 3 gerade Texte geschrieben hat auch durchaus mal ein Hofstaat. Manche wollen so hofiert werden, bis sie sich für einen Auftritt überreden lassen, dass man denken könnte sie verteilen eine Segnung bei ihren Slams. Aber wie schon gesagt, meistens sind Slammer auch nur Menschen und bisher habe ich dann doch eher positive Aspekte der Slamily erlebt.

Zu einem ästhetischen Aspekt: Wenn für Poetry Slam argumentiert wird, dann häufig um für diese künstlerische Form eine Gleichstellung gegenüber anderen künstlerischen Formen zu verlangen. Dieser Kampf hat seine Berechtigung, aber in meinen Augen ist er schon gewonnen. Die Verlierer (irgendwelches sogenanntes Literatur-Establishment) können von mir aus gerne weiter dagegen argumentieren, werden aber einfach wegsterben. Und zwar recht zeitnah.
Aus theoretischer Sicht sind Diskussionen rund um die Form sehr ergiebig zur Erfassung dieser Kunstform Z.b. die Frage nach dem gedruckten Wort. Also sprich, was genau ist Poetry Slam eigentlich, wenn nicht nur geschriebenes vorgelesenes Wort? Da gibt es im Grunde drei Fraktionen:

1.) Die Hardliner: Slam Poetry lässt sich in deren Augen auf keinem Speichermedium festhalten, das sich reproduzieren lässt. Slam Poetry ist elementar Live und lässt sich nur erleben und nicht speichern. Vor allem nicht in Buchform. Slam Poetry lebt demnach von der Ereignishaftigkeit der Situation. Und eine Aufzeichnung würde die Unwiederholbarkeit dieser speziellen Situation konterkarieren.
2.) Die pragmatischen Slammer: Auch sie glauben an den unverzichtbaren Aufführungscharakter von Slam Poetry. Halten aber Audioaufnahmen und Videoaufnahmen für einen zwar nicht optimalen, jedoch hinnehmbare Alternative für die Rezeption von Slam Poetry. Sie legen den Fokus damit eher auf den Vortrag des Poeten und nicht so sehr auf das Zusammenspiel mit dem Publikum. Aber trotzdem kann dieser Position nach, ein Text, der nur gelesen wird, niemals das ganze Potenzial von Slam Poetry entfalten.
3.) Die lockeren Slammer: Für sie ist es überhaupt kein Problem, dass ihre Texte auch in Buchform veröffentlicht werden. In der Regel wird zwar auch die Live-Situation bevorzugt, sie sehen den Unterschied zwischen den verschiedenen Rezeptionszugängen aber nicht so stark qualitativ. Lasse Samström hat in einem Interview jedoch zurecht darauf hingewiesen, dass nicht alle Slammer, die ihre Texte in Büchern veröffentlicht haben, dies auch vollends unterstützten. Häufig treibt die finanzielle Situationen und vor allem die Marketing-Möglichkeiten durch eine Veröffentlichung viele Slammer zu diesen Büchern.

Die Diskussion darum ist für viele Slammer vielleicht auch nicht ein so großes Thema. Theoretisch kreist Sie aber um hervorstechende Merkmale der Kunstform Poetry Slam, denke ich. Das Phänomen des Live-Vortrags an sich ist sicherlich schon das ein oder andere Mal beleuchtet wurden ;). Auch haben schon einige Jahrtausende lang Autoren selber aus ihren Werken vorgelesen. Doch der Unterschied zu den Wasserglas-Lesungen liegt eindeutig in dem Aufführungscharakter dieser Texte. Ganz elemantar ist das performen der Texte. Das klingt banal, ist aber in seiner besonderen Stellung nicht zu unterschätzen. Dem Theater gegenüber steht aber wiederum zum Einen der Text deutlich mehr im Vordergrund und zum Anderen wird bei Slams in der Regel ein Charakter entworfen, der mit dem Text zusammenhängt. Im Idealfall sogar zusammenfällt. Kann man also nur den Hardlinern folgen? Muss man sich quasi in einer idealen Rezeptionssituation befinden um Poetry Slam in seiner Ganzheit erfahren zu können?
Meiner Meinung nach ist die Livesituation mit Poet und Publikum schon die Wurzel dieser Kunstform, jedoch nicht ihre Grenze.
Ich denke man würde aber Bücher auch missverstehen, wenn man glaubt, dass Texte dann in einer starren Form verharren. Jeder Autor weiß, man hat niemals das letzte Wort über sein Werk. So natürlich auch beim Lesen. Ein Leser produziert beim Lesen eines Textes immer wieder einen neuen Text. Das verstehen und Interpretieren eines Textes hört nie auf. (Klassische Punchline von dem guten alten Hans-Georg Gadamer ;)) Auch Walter Benjamin sagte mal so treffend: „Das Lesen eines Buches, ist nur einer von 100 Zugängen.“
Man könnte somit wiederum sogar fast sagen, dass die Interpretation eines Poeten auf einer Bühne die Texte sogar eher wieder einengen würde. Das mag sein, aber gerade die virtuose Interpretation macht dieses Format mitunter so spannend.
Zudem glaube ich auch, dass bei viel Slam Poetry der Zuhörer erst den Text zu seinem letzten Punch bringen kann. Viele Texte sind so dicht, dass man beim Hören gar nicht dazu in der Lage ist alles aufnehmen zu können. Zum Einen finde ich, dass diese Art der Überforderung auch sehr gut unserer heutigen Welt entspricht (,im Gegensatz zu einem völlig analysierten und ausgeleuchteten Text). Zum Anderen dienen solche Texte so vielleicht ehr als Schlüssel zu einer Gedankensphäre, anstatt dass sie in aller Einzelheit ein Thema beleuchten wollen. Es sagt auch etwas über einen Selber aus, wenn man gewisse Dinge bei einem Text eher weiterdenken will als Andere. Poetry Slam liest dann auch die Zuhörer! Es wird aus dem Zuhörer eine Sichtweise herausgelesen von der er dachte, er hätte sie nur selbst gehabt und wird erfasst von der geschliffen Sprache in der diese Gedanken wiedergegeben werden. Das ist für mich Poetry Slam at its best! Darum sei natürlich an dieser Stelle auch erwähnt, dass sehr sehr viel doofes und sehr Comedylastige (at it worst) Sachen gibt. Aber Hey: Wo Licht ist, da wird auch mal ne Currywurst schlecht.
Am Ende liefere ich nochmal einen modernen Klassiker der Slam Poetry mit: http://www.youtube.com/watch?v=Xs5o-_k9sE4

Vielleicht werde ich in Zukunft immer mal wieder über das Slammen schreiben. Sowohl von meinen Erlebnissen, als auch theoretisch. Am Wochenende wollen erstmal die niedersächsischen Meisterschaften und danach der ganze Süden mit meinen Texten besudelt werden. Das wird ein Spaß 🙂

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