Gamescom 2011 – Ein Besuch

18.08.2011: 4:30 Uhr Aufstehen. Eine  unmenschliche Zeit für jeden Studenten. Doch heute müssen auch die wohl oder übel dadurch: Die Gamescom 2011 hat begonnen und eröffnet ihre Pforten am heutigen Donnerstag auch für das private Publikum.

Der ICE von Hannover nach Hamm fährt um 6:21 Uhr. Die Fahrt ist ruhig und entspannt. Sogar die Klimaanlagen funktionieren bisher einwandfrei. Um 8:02 allerdings muss ich in Hamm umsteigen und fortan den Regionalexpress nach Köln Messe/Deutz benutzen. Der Bahnsteig ist schon um diese Zeit brechend voll und wird von grölenden Jugendlichen bevölkert. Alle mit dem gleichen Ziel: Gamescom 2011 – Köln.

Nachdem ich mich durch Horden aggressiver Nerds in den Zug gekämpft habe, gelingt es mir wirklich noch ca. den letzten Sitzplatz zu ergattern. Großes Glück wie sich schon bald herausstellen wird. Im Inneren des Zuges ist es heiß, laut und stinkt nach Gamer-Schweiß und Alkohol. Fun-Fact: Die „Besucher“ (Kiddies) der Gamesom löten sich bevor es ans Zocken geht weg wie nichts Gutes. Dafür reichen den meisten Insassen auch schon knapp 2 Bier. Schwache Leistung – Highscore nicht geknackt. Die Stimmung ist ausgelassen und es wird lautstark diskutiert, wer wohl der leeteste Player in Starcraft 2, League of Legends oder World of Warcraft ist. Ein Dicker gewinnt durch schiere Lautstärke und einschüchternde Körperpräsens.

Je näher wir Köln kommen, desto voller werden die Bahnsteige unserer Halteorte. Eine knappe halbe Stunde vor Köln geht gar nichts mehr und das Zugpersonal lässt an den Türen niemanden mehr einsteigen. Die Draußenverbliebenen haben eine Arschkarte gezogen und können dagegen nichts weiter tun, als auf den nächsten Zug zu warten. Das nennt man also Nerdrage.

Gegen 09:45 erreichen wir mit einer knappen viertel Stunde Verspätung den Bahnhof Köln Messe. Das Aussteigen dauert mindestens 10 Minuten. Die Zocker werden allmählich unruhig. Doch nach für jedes Kellerkind zu bewältigenden 5 Minuten Fußweg, erreicht man endlich die geheiligten Pforten der Gamescom:

Ich denke: „Fuck ist das schon voll!“, aber in Wirklichkeit ist es, verglichen mit den nächsten Tagen, ein Witz von Besucheransturm. Nach nur weiteren 40 Minuten anstehen bin ich unvorstellbarer Weise drin!

Es kann losgehen: Zocken was das Zeug hält!

Von wegen… Innen angekommen beginnt das Spiel von Neuem: Wieder Anstehen. Diesmal um sich von der USK ein tolles farbiges Bändchen abzuholen. Es soll dazu dienen, die Besucher entsprechend ihrem Alter einzuteilen: Unter 16, 16-18 und über 18 Jahre. Ich überlege kurz, ob dies ein neuartiges Angebot für Triebtäter ist, damit sie je nach Bändchenart ihre Opfer aussuchen und das entsprechende Risiko besser abschätzen können. Das ist natürlich Quatsch. Es dient lediglich dazu, dass jeder Besucher nur das zu sehen bekommt, was die USK für sein Alter auch als annehmbar empfindet.

Als ich nach weiteren 20 Minuten Warten schließlich an der Reihe bin und meinen Perso vorzeige: Tada! Über 18 Bändchen sind bereits alle alle! Gamescom = 1, Ich = 0. Haha…  denn halt erstmal ohne blödes Bändchen.

Die Crowd: Das Publikum ist zu großen Teilen männlich und zwischen 16 und 30 Jahren. Wenn es schon geht, wird Bart getragen. Jeder 3. hat ein Wacken-Shirt an und jeder 2. macht wahrscheinlich irgendwas mit Computern. Die groben Zuschauerkategorien:

  1. Der Gangster: Ist nur gekommen wegen Fifa, Call of Duty, und Gears of War. Trägt alles Baggy, ein prollig bestickertes Cap und hat ca. 50 goldene Dogtags um den Hals. Er macht sich über alle anderen Besucher lustig und sieht selber aus wie der letzte Hayo. Außerdem probiert er möglichst viele und möglichst obszöne Fotos mit den leicht bekleideten Booth-Babes zu machen. Damit kann er später bei seinen Freunden prahlen. Denn wenn nicht gerade Gamescom ist, hat er nämlich keine Chance überhaupt Bilder mit sich und Frauen drauf zu bekommen.
  2. Der Rollenspieler: Er hat einen deutlich größeren körperlichen Umfang, lange Haare und Bart und trägt eine Hacker-Brille. Er steht auch gerne mal einige Stunden für die neuesten Tech-Demos seiner heiß ersehnten Spiele an und trägt irgendein lustiges Shirt, das wahrscheinlich nur er und seine mitgereisten „Gildies“ verstehen.
  3. Der Abgreifer: Ist schon kurz nach dem Einlass gekleidet in vollem Ornat: Gelbe Sicherheitswesten, Papp-Pylone als Hut, Minecraft-Pappmasken über dem Gesicht, 30-60 Werbetüten unterm Arm und etliche Schweißbänder und Keychains am ganzen Körper. Er steht bei jeder Präsentation in der ersten Reihe und schreit am lautesten. Er wird von den anderen Anwesenden heimlich neidisch beäugt. Egal wie scheiße und billig die verteilten „Produkte“: Der Abgreifer nimmt alles mit.
  4. Die Frau: Sie gehört als Anhang zu einer Person der oben genannten Kategorien. Sie musste mitkommen weil ihr Freund die Reise und die Eintrittskarte bezahlt und sie danach wochenlang angebettelt hat, doch bidde bidde mitzukommen. Gesichtsausdruck: gelangweilt oder auch wahlweise angeekelt. Wenigstens aber  müssen diese Frauen heute mal nicht auf dem Damenklo anstehen. Win!

Kurz gesagt: Die Gamescom ist nicht unbedingt der perfekte Ort um seine Traumfrau oder seinen Traummann kennenzulernen. Doch muss man fairerweise ergänzen: So schlimm wie die Besucher im Fernsehen und Co. immer dargestellt werden, sehen sie bei Weitem nicht aus. Jedes Volksfest und jede Großraumdisco beherbergt unendlich grausamere Gestalten. Kommen wir nun allerdings zu unserer Lieblings-Subkategorie der Bekloppten…

Die Cosplayer: In den Hallen der Gamescom wird man quasi überrannt von Horden aus Links und Zeldas, einigen Soras aus Kingdom Hearts, verschieden gut-gelungenen Lara Crofts und den allgegenwärtigen Charakteren aus Warhammer, Star Wars und Super Mario 1-100. Ein verrückter Schlachter macht übrigens auch einen privaten Streifzug über die Messe und gönnt sich dabei eine kleine Auszeit von der täglichen Plackerei des Metzelns.

Viele der noch sehr jungen Besucher versuchen sich aber augenscheinlich auch an der hohen Kunst des Justin-Bieber-Cosplays. Manche der seltenen weiblichen Wesen stehen zudem an den Ständen und verkleiden sich gekonnt als Booth-Babes. Und wenn man als Frau dann doch leider NULL-Kreativ ist und trotzdem unbedingt irgendwie mitmachen möchte: Katzenöhrchen und lustig gezeichnete Schnurrhaare gehen immer.

Gegen Mittag sehen die Böden der Hallen bereits aus wie Schlachfelder. Man muss aufpassen, dass man nicht in Müllberge läuft und oder darauf ausrutscht. Dafür sind die Hallen aber angenehm klimatisiert. Doch als armer Raucher muss man natürlich auch mal raus und rauchen. Das Wetter in Köln ist heute der Tod. Temperaturen wie auf Arrakis. Steht man auch nur eine Sekunde in der Sonne, war es das für einen und man schmilzt. Kein Spaß. Dagegen gibt es nur ein Mittel:

Bei dieser Affenhitze schmeckt sogar Kölsch: Denn es ist eiskalt! Mittlerweile vergnügen sich die älteren Gamer auch eher an den Bierständen, als in den Hallen. Das nennt man „Business-Kontakte pflegen“. Außerdem gibt es auch hier Ungewöhnliches zu bestaunen:

Mit dem kalten Bier am und im Kopf geht es für mich dann doch schließlich weiter: Recherche betreiben, Milieustudien anfertigen und ohne Konzept herumirren. Doch eine Frage beschäftigt mich noch bevor ich zur Abreise antrete: Was sind eigentlich die heißesten Titel in diesem Jahr auf der Gamescom?

Wie die besten Spiele zu bestimmen sind: Wer denkt, dass die hier vertretenen Videospiele anhand lächerlicher Kriterien wie Grafik, Steuerung, Spielspaß und Story beäugt und bewertet werden, liegt ganz weit daneben. Es geht ausschließlich um das ganze Drumherum und eine möglichst pompöse Präsentation. Für Beginner und baldige Gamescom-Aussteller möchte ich dies gerne in ein paar einfachen Schritten erläutern.

  • Mache deinen Gamescom-Stand möglichst riesig und einzigartig, so dass alle erstmal stehenbleiben und gucken müssen, was hier eigentlich los ist. Raumschiffe sind ein guter Startpunkt:

  • Dann stelle möglichst ein fetziges und teures Auto mit Dutzenden an Securitys davor:

  • Oder pflaster gleich eine die habe Halle einnehmende Wand davor:

  • Kommen wir nun allerdings zu den beiden wichtigsten Bewertungs-Faktoren: Schlangenlänge und Wartezeit. Wer als Aussteller keine möglichst beeindruckende stundenlange Schlange vorzuweisen hat, wird von den Zuschauern sowieso nur milde belächelt. Die Big-Player im Biz wissen wie es richtig geht:

  • Und als letzter wichtiger Schritt: Nachdem die Leute deinen riesigen Stand entdeckt, den Eingang gefunden, dann zurück zum Warteschlangen-Anfang gepilgert sind und die knappen 5 Stunden gewartet und deine unausgereifte Gameplay-Demo 2 Minuten anspielen durften, drücke ihnen eine möglichst riesige Werbetüte ohne jeglichen Inhalt in die Hand (coole Sachen an die Besucher auf Messen zu verteilen ist nämlich sowas von 90er. Die Leute kaufen deinen Schrott auch ohne Geschenke!). Die Besucher werden sich über dieses überragende Goodie den Arsch abfreuen und dafür den restlichen Tag die Werbung für dein Produkt bereitwillig über das Gelände schleppen und so noch mehr Leute an deinen Stand befördern: Profit!
Hier siehst du zum Beispiel die Tüte für das Spiel Skyrim. Sie ist ca. 2qm groß. Skyrim hat somit automatisch den Titel "Spiel des Jahres" gewonnen (und ich habe für dieses abgefahrene "Goodie" nur 2 Stunden angestanden)!
  •  Voila! Jetzt bist auch du bereit nächstes Jahr auf der Gamescom auszustellen und dein Produkt möglichst effektiv zu präsentieren!

Und die Gewinner 2011 sind:

Platz 3: Wer wollte nicht schon immer einmal eine U-Bahn fahren (und dabei vielleicht noch Riots bekämpfen?!?!?!). Bonuspunkt: Es spielt in London und London ist IN!
Platz 2: Lasse es Schneien! Mache Germknödel! Behandele doppelte und dreifache Knochenbrüche! Und Fahre selber eine Schneeraupe! Sei der "Mr. Plow" deiner Skiregion!
Platz 1: Hallo? Es ist Platin!!! Da muss was gehen!

 

Fazit: Mit 10% mehr Ausstellern als im letzten Jahr und knappen 275.000 Besuchern, war die Gamescom 2011 für die Betreiber ein voller Erfolg. So heißt es in deren Pressemitteilung:

„Mit einem erneuten Aussteller- und Besucher-Highscore unterstrich die gamescom 2011 einmal mehr ihre Position als weltweit größtes Messe- und Eventhighlight für interaktive Spiele und Unterhaltung. Bis Sonntag, 21. August, präsentierten 557 Aussteller (2010: 505) aus knapp 40 Ländern (2010: 33) der internationalen Gamescommunity weit mehr als 300 Spiele, darunter Welt-, Europa- und Deutschlandpremieren (2010: 200).“

Meine Pressemitteilung in diesem Jahr müsste allerdings eher so aussehen:

„Mit einem erneuten Hin- und Rückfahrtszeit-Highscore von 7 Stunden, einer Wartezeit in Schlangen und auf Bändchen von knapp 5 Stunden, dazu NULL angespielten Spielen, NULL abgegriffenen brauchbaren Goodies und nur einem Hitzeschlag, unterstrich Sönke wieder einmal auf das Demonstrativste, das man vielleicht doch lieber zuhause bleiben, sich dort vernünftige Online-Berichterstattung im Bett angucken und irgendwas sinnvolleres machen könnte, als im Real-Life zur Gamescom zu fahren.“

Es war anstrengend. Es war laut. Es war heiß. Es war sehr sehr voll. Es gab sehr sehr wenig zu tun. Dafür gab es aber viel zu gucken, viele Eindrücke aufzunehmen und viel den Hype zu feiern. Danke Gamescom 2011: Es war trotzdem recht schön bei dir. Bis zum nächsten Jahr!

Und was waren eure Erfahrungen auf und mit der Gamescom 2011 in Köln – Ähnlich oder doch ganz anders? 

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