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Konzertbericht: Imperial State Electric und Graveyard am 28.10.15 in der Essigfabrik Köln

Lange Haare, Cannabis-Schwaden, Flanellhemden, Jeansjacken, kaputte Hosen und Turnschuhe: Bin ich wieder in meiner Schulzeit gelandet? Nein, ich bin auf dem Konzert von Graveyard in der Essigfabrik. Ich hatte mich schon gewundert, wieso alle hier so gut drauf sind.

Die Essigfabrik ist schon früh ordentlich gefüllt, man hat aber noch Platz, es ist angenehm und familiär (wenn man unter Stonern, Slackern und übel tätowierten Bikern aufgewachsen ist). Drinnen gibt es nicht viel zu tun und auch der Merchstand ist sehr übersichtlich. Deshalb beschließe ich, vor dem Konzert noch einmal die Toilette aufzusuchen. Kein Klomann versperrt mir den Weg, das lobe ich mir, aber vor den Waschbecken bleibe ich doch einen Moment lang stehen und zögere: Im März bei den Kassierern habe ich gesehen, was alles mit diesen Becken geschehen ist und ob man sowas wieder rausbekommt? Ich fasse mir ein Herz und wasche meine Hände, es ist schließlich ein Rockkonzert – Leben am Limit! Hygiene fetzt und ich hab jetzt Bock auf Rock!

Imperial State Electric

DSC07612Um 20 Uhr legen die vier Schweden von Imperial State Electric mit einem Schlagzeugintro los, das ohne Unterbrechung direkt in die erste Nummer übergeht. Sofort ist klar: Wir haben es mit Voller-Pulle-in-die-Fresse-Rock zu tun. Imperial State Electric ist nämlich das Baby von Nicke Andersson, früher bei The Hellacopters und Entombed, da darf man nichts anderes erwarten als ein Brett. Die Band bringt eine starke Rockshow und die Zuschauer gehen dankbar mit. Zwischen den Songs erklärt Andersson: „Die Stimmung ist der Hammer! Es ist zwar ein Mittwoch, aber es fühlt sich mit euch an wie Freitag. In der der Welt von Imperial State Electric ist es immer Freitag, ich werde es mir also gut gehen lassen!“ Das Publikum tut es ihm gleich und folgt auch seinen weiteren Forderungen gerne: „Ihr solltet euch selbst dafür applaudieren, dass ihr an diesem Abend hier seid, um Imperial State Electric und Graveyard zu sehen! Eine gute Entscheidung!“ Wir sind bekannt für unseren exquisiten Geschmack.

Der Sound ist fett, die Stimmung wird immer besser und die Musiker spielen sich den Arsch ab. Sie bieten straighten Rock irgendwo zwischen AC/DC und Airbourne, mit Kiss-ähnlichen Refrains und gedoppelten Lead-Gitarren-Parts à la Thin Lizzy. Bester Retro-Rock also mit modernem Sound, der auch heute noch funktioniert. So eine Show hat man zwar schon oft erlebt, aber wenn sie mit soviel Spaß und Enthusiasmus daherkommt, guckt man sie sich gerne immer wieder an.

Gegen Ende der Show werden lustig die Instrumente getauscht. Gitarrist Thomas Egge geht an den Bass und Bassist Dolf de Borst, der sonst noch Mitglied bei The Datsuns ist, geht ans Mikrofon. Bei ihm ist schon tiefster Movember (in der Welt von Dolf de Borst ist immer Movember), aber auch am Bass oder Mikrofon ist der Mann ein Biest. Diese Band rockt in jeder Konstellation. 45 Minuten sind vorbei, die Band ist klitschnass, genau wie mancher im Publikum. Nach einem großen, ausufernden, nicht enden wollenden Rock-’n’-Roll-Ende verlassen Imperial State Electric unter tosendem Applaus die Stage. Einen besseren Anheizer als Imperial State Electric kann sich eine Rockband kaum wünschen.

Graveyard

DSC07613Ein einzelner Roadie mit Trucker-Mütze und Plauze führt jetzt den Line-Check durch. Er verschwindet mehrmals hinter den Kulissen, kehrt irgendwann aber mit einer Fuhre feinsäuberlich gefalteter Handtücher unterm Arm zurück und legt sie sehr ordentlich auf die Verstärker. Er schaut sich skeptisch um, nickt schließlich langsam. Handtuchmann ist zufrieden, es kann losgehen.

Es ist 21:15 Uhr, die Lichter werden gedimmt, das Intro beginnt, die Erwartung steigt. Graveyard kommen die Treppe hoch und legen mit „Magnetic Shunk“ dem Opener ihres neuen Albums „Innocence & Decadence“ los. Ich verziehe mein Gesicht: Der Sound ist beschissen. Was eben noch bei Imperial State Electric super funktionierte, ist jetzt dumpf und matschig. Kein Bass, kein Druck, nur Pampe aus den Boxen und dazu ein schrecklich übersteuerter Gesang. Ich halte tapfer durch, warte darauf, dass der Mischer eingreift, doch es geschieht nichts. Langsam bekomme ich die Befürchtung, dass das so soll… Retro und Vintage hin oder her – Wie vom Diktiergerät muss es ja auch nicht klingen. Ich finde mich damit ab, die meisten anderen scheint es ja auch nicht zu stören.

Ab dem dritten Song wird der Sound gefühlt etwas besser, oder meine Ohren haben sich daran gewöhnt. Schade, weil das Problem liegt definitiv nicht bei der Band: Sie spielen tight und mit viel Gefühl. Sänger Joakim Nilsson ist Live mindestens so gut wie auf Platte. Er hat das Zeug dazu, einer der ganz Großen zu werden. Nach ein paar Songs muss er aber eine Pause einlegen und verkünden: „Sorry, we have some technical difficulties.“ Handtuchmann eilt wie aus dem Nichts herbei und behebt die technischen Probleme fachmännisch mit einer Rolle Gaffa-Tape. Kein Ding für Handtuchmann: Der ausziehbare Schwenkarm des Mikrofonständers war nicht ganz fest und neigte immer ein wenig zuweit nach links. Wo das jetzt geklärt ist, lasse ich meinen Blick über die Menge schweifen: Was sich manche in den vorderen Reihen anscheinend so reingezogen haben, das möchte man auch mal bekommen. Sie tanzen psychedelisch, fast epileptisch, werfen das Haar nach vorne und hinten, fahren mit den Händen durch die Luft, als wäre Woodstock wirklich geschehen und nicht nur ein Film. Alberne junge Menschen.

Graveyard haben prinzipiell nur zwei verschiedene Modi: kratziger, harter, ein wenig düsterer Rock mit Psychedelic-Elementen, oder langsame soul- und bluesdurchtränkte Nummern, bei denen Nilsson stimmlich brilliert und Jonatan Larocca Ramm an der Gitarre. Es kann sich hören lassen, aber der Funke will heute Abend irgendwie nicht überspringen, manchmal gibt es einfach solche Tage. Ich weiß auch nicht genau, ob es an mir oder an Graveyard liegt. Sie machen was sie sollen und spielen ein solides Set mit neuem Material und alten Hits, trotzdem wirkt das alles ein wenig lustlos. Mehr als ein kurzes „Danke Köln!“ richten sie nicht an die Leute und auch untereinander gibt es keinerlei Interaktion. Alle Mitglieder verstecken sich die meiste Zeit über hinter ihren langen Haaren. Vielleicht schützen sie aber auch nur ihre Augen vor den 5 fiesen Flutlichtern, die hinten auf der Bühne stehen und die auch mich das ganze Konzert über hart rannehmen. Ich werde von ihnen extrem in die Fresse geblendet, sodass ich kaum etwas sehen kann. Verpisst euch Flutlichter: Mir ohne Grund in die Augen leuchten lassen, das muss ich schon nachts immer auf dem Heimweg.

DSC07630Nach einer knappen Stunde verlassen Graveyard die Bühne. Die Zuschauer wollen aber noch mehr und verlangen nach einer Zugabe. Handtuchmann erscheint, schnappt sich eine Gitarre und gibt einen guten alten E-Akkord zum Besten. Der E-Akkord funktioniert noch, Handtuchmann verschwindet und Nilsson betritt allein die Bühne. Er spielt eine packende Solo-Version von „Stay for a Song“ und das nimmt einen nun wirklich mit. Die Band kommt unter großem Applaus zurück und da ist sie, die ersten Interaktion zwischen Band und Publikum: Gitarrist Ramm prostet auf dem Weg zur Gitarre der Menge mit einem Bier zu. Ein magischer Moment. Wir fühlen uns wie Eins. Es folgen noch die aktuelle Single „The Apple And The Tree“ und eine epische Version von „The Siren“, die beweist, dass Graveyard es total drauf haben, wenn sie denn wollen. Bei diesen beiden Liedern ist zu spüren, dass Graveyard sich der Musik hingeben, dass sie Lust darauf haben, zu spielen. Vorher hatte es mitunter denn Anschein, als würden sie nur soviel machen, wie sie halt müssen und nicht ein bisschen mehr. Das erinnert mich dann doch wieder an meine Schulzeit, der Unterschied ist nur, dass ich dafür nicht bezahlt wurde.

Imperial State Electric

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Konzertbericht: The Ocean, Mono und Sólstafir am 26.10.15 in der Live Music Hall Köln

„Elfenbeinturm-Elitismus“ oder „Schwing deinen Arsch dahin!“

Es ist Montag und ich sitze wieder doof in meiner Klause und friste mein snobistisches Nischendasein im Ohrensessel. Privat höre ich nämlich ausschließlich Soundscape-Black-Ambient-Viking-Shoegaze-Post-Progressive-Avant-garde-Instrumental-Sludge-Alternative-Psychedelic-Noise-Metal-Rock und das möglichst aus fernen und fremden Ländern. Es ist klar, dass ich deswegen nicht oft nach draußen komme. Doch worauf stößt da mein verächtlicher Blick? Ich verschlucke mich fast am Cognac und mein Monokel fällt zu Boden: The Ocean, Mono und Sólstafir sind gemeinsam auf Tour und machen Halt bei mir in der Gegend? Heilige Scheiße, ich habe ein Date!

In den meisten Fällen sind solche Band-Packages ja gewaltige Mogelpackungen: Man will maximal eine Band wirklich sehen, muss sich dafür aber erst durch 5 Teenie-Deathcore-Bands vom Lande quälen, die nur dabei sind, um die Ausgaben für die Tour mitzutragen. Heute gibt es aber ein wirkliches Pfund: Ein bunter Strauß voll unterschiedlichster Spielarten des Metal und Rock von drei Bands,  zu denen ich auch einzeln gehen würde. Ich verlasse meine Gruft, schnappe mir den Zylinder und die Segway-Schlüssel und mache mich auf den Weg zur Live Music Hall.

Dort angekommen, lässt sich die zu erwartende Qualität der musikalischen Darbietungen sofort erahnen: Circa ein Drittel der Konzerthalle ist mit rotem Stoff abgehangen, damit es später nicht so leer aussieht 🙁 . Zusätzlich hat der Veranstalter als Schmankerl einen alten Streich angewendet, denn es geht stark auf Halloween zu: Auf den Eintrittskarten steht Beginn 20 Uhr, in Wirklichkeit fängt The Ocean aber schon um 19:30 Uhr an. Das ist scheiße für die Band und noch beknackter für alle Fans, die sie deswegen verpassen.

The Ocean

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The Ocean im Nebel – Meine Handykamera lässt ebenfalls keinen Fokus erkennen

The Ocean beginnen ihr Set also pünktlich um 19:30 Uhr und trotz der falschen Zeitangabe versammelt sich eine ansehnliche Menge in der Halle. Die Bandmitglieder, sie verstehen sich eher als Kollektiv, sind mindestens zu siebt, aber vielleicht haben sich auch noch mehr Musiker irgendwo im dichten Nebel versteckt. Die Gestalten werden von hinten angestrahlt und so sieht man nur Konturen und Schatten. Bei The Ocean steht die Musik im Vordergund und nicht die einzelnen Musiker.

Ihre Musik verbindet extremen Metal mit orchestralen Parts, zermürbende Polyrhytmik (eine Prise Djent ist in den meisten Songs dabei) und harte Riffs mit schwerelosen und einprägsamen Melodien. Mein Problem mit vielen ihrer Songs ist es, dass sie viel zu viel wollen, konzeptuell wie musikalisch, und das möglichst sofort und gleichzeitig. Manche Passagen klingen dadurch fast wie ungewollt parodistische Zirkusmusik, zu pompös und für meine Verhältnisse zu „gimmicky“. Einige Stellen sind kaum songdienlich, wirken unnötig überladen, nur um den Eindruck von Komplexität zu vermitteln, und besitzen wenig erkennbaren Fokus. But yeah, well, that’s just like, my opinion, man.

Dieser Auftritt von The Ocean hat aber gezeigt, was die Musiker potentiell drauf haben und wieso sie Live unbedingt zu empfehlen sind. Besonders der aktueller Sänger Loïc Rossetti macht eine erstklassige, von hinten angestrahlte Figur. Seine Shouts und Growls sind brutal und energetisch und auch sein cleaner Gesang ist auf den Punkt. Zum Abschluss spielen The Ocean noch ihren neuen Song „The Quiet Observer“ von ihrer aktuellen Split „Transcendental“ mit Mono, welcher eindeutig zu ihren härtesten gehört und das Prädikat „Qualitäts-Sludge“ mit Auszeichnung verdient. Doch hören Sie selbst:

Mono

IMG_20151026_203711Mit orchestraler Begleitung aus den Boxen richten die vier Musiker von Mono aus Japan ihren Arbeitsplatz persönlich ein. Ihre Backline wirkt fast minimalistisch gegen die von The Ocean, aber es kommt ja darauf an, was man damit macht. Nachdem alles an Ort und Stelle steht, ertönt als Intro eine Arie. Wenn Hegels Denken Ausdruck des Weltgeistes ist, dann ist die Musik von Mono die zu Laut gewordene Form des Weltschmerzes. 

So vieles, was rede ich da, fast alles ist schief gelaufen. All die Trauer, der Schmerz, das Leiden und die Sehnsucht: in ewiger Variation, in unendlicher Wiederholung. Nur die darunter liegenden Töne haben sich verändert, doch die Stimmfärbungen sind völlig unterschiedlich. Die Gedanken driften ab, gehen in das Früher und in die unbekannte Weite. Klanglandschafts-Malerei. Das Verlangen ist übermächtig, doch wonach? Es muss irgendwo in diesen Tönen, im Tremolo, im Crescendo, in den Urgewalten des Noise verborgen sein. Wir waren so nah dran. Die physische Welt kann niemals bieten, was der Geist verlangt. Die Trauer übernimmt die Oberhand, den Tränen nah, war alles vergebens? Die Mühen, das Vertrauen, unsere Liebe und der Wille.

Die Schönheit und Ruhe erdrückt, nimmt den Atem, reißt mit in finsterstes Unten. Ein Glockenspiel erledigt den Rest. Der Druck ist zu hoch, wir sind keine Taucheruhren, wir sind nicht gemacht für eine Tiefe von 12.000 Metern. Doch Mono lassen niemanden untergehen. Um in höchste Himmel zu gelangen, müssen die Wurzeln eines Baums bis hinab in die Hölle reichen. Apotheose in Noise. Gitarrensound schneidet sich ins Innerste. Harmonie, Lärm und Lautstärke verschmelzen, werden Einheit und in diesen Momenten weiß man wieder, wieso man das alles noch mitmacht. Es gibt wahrhaftig noch etwas Anderes, etwas Ätherisches und Transzendentales: Es gibt die Musik von Mono. Sie bietet keine Antwort, doch ist auch die in Ton gegossene Frage nach der Hoffnung ein Verdienst.

Das klingt nach platter Romantik, übertriebenem Pathos und billigster Gefühlsduselei?  Wir dürfen das, da sind auch E-Gitarren dabei und auf dem Konzertplakat stand schließlich irgendwo auch was von „Rock“ und „Metal“. Wir sind und bleiben also trotz der ganzen Emotionen super-heavy. Doch alles muss vergehen und so verlassen Mono nach ein bisschen mehr als einer Stunde die Bühne. Viel länger hätte ich es vermutlich auch nicht verkraften können. Mono – Verschreibungspflichtig, Für und gegen Weltschmerz, die empfohlene Dosierung nicht überschreiten. Takaakira Goto, Komponist und Lead-Gitarrist von Mono, verabschiedet und bedankt sich danach noch persönlich beim Publikum und verspricht, möglichst bald wieder nach Köln zu kommen. Ja, bitte!

Lustig ist, dass auch Mono gerade eine Split mit The Ocean herausgebracht haben, die auch „Transcendental“ heißt. Zufälle gibts, die klingen so:

Sólstafir

Gegen 22 Uhr begibt sich der Headliner des heutigen Abends auf die Bühne: Sólstafir. Die vier Musiker tragen die traditionelle Kluft der Isländer: enge Jeans, Lederboots, Westernhut und Sonnenbrille. Cowboys from Space, aber mit Banjo unterm Arm. Diese Tour ist erst ihre dritte durch Europa, aber bei den letzten beiden haben sie offensichtlich ordentlich Fans dazugewonnen. Die Halle ist noch besser gefühlt als bisher und in den vorderen Reihen wird es langsam ziemlich eng. Irgendwie stehen jetzt auch mehr Mädels vor der Bühne, als es bei The Ocean und Mono der Fall war. Merkwürdig…

Die atmosphärische Musik von Sólstafir lebt ebenfalls von den Extremen: verträumte Klänge treffen aufIMG_20151026_220437 kraftvollen treibenden Rock, Psychedelic oder vom Black Metal inspiriertes Geballer. Die Lightshow unterstreicht diese Kontraste noch. Die Bühne ist fast  durchgehend in blau und rot getränkt. Im Zusammenspiel ergibt sich das typische Bild von Island: Land aus Eis und Schnee sowie der heißen Quellen und aktiven Vulkane.

Über allem thront die Stimme von Sänger, Gitarrist und Entertainer par excellence Aðalbjörn Tryggvason (Ich hab das mal aus Wikipedia rauskopiert, wenn’s O.K. ist, ne?). Er stößt herzzerreißende Schreie aus, säuselt sehnsüchtige Melodien und kreischt puren Hass ins Mikrofon. Dieser elbenhafte Hüne lebt mit Haut und viel Haar dafür, auf der Bühne zu stehen und vom Publikum gefeiert zu werden. Er post mit und ohne Gitarre, tanzt wie im Rausch, verliert sich völlig in seinem Gesang und animiert gleichzeitig die etwas müde gewordene Menge mit Erfolg zum Mitmachen. Man kann ihm unterstellen, dass dieses Rockstar-Gehabe schon etwas übertrieben daherkommt, aber zum Schluss der Sólstafir-Show ist die Stimmung vor der Bühne fantastisch, was zu großen Teilen ihm allein anzurechnen ist. Mit seiner Performance hat er unter Beweis gestellt: Techno Viking kann einpacken – Viking-Metal-Viking macht die bessere Show.

Um 23 Uhr ist schließlich Schicht im Schacht. Tryggvason springt noch ein letztes Mal in die Menge, verteilt Handshakes, High-Fives und Umarmungen und dann schieben sich die Massen schnell nach draußen in die Herbstnacht. Es ist spät, keine Zeit verlieren, der Alltag ruft die Leute wieder zu sich und zur Vernunft. Man mag ihm verzeihen, solange es ab und an solche Veranstaltungen mit beeindruckenden Künstlern wie Sólstafir, Mono und The Ocean gibt.

 

Albenschreiben 18 – The Sword: High Country

Ich weiß nicht, wie lange ich diese Welt schon durchstreife. Ich weiß nur, dass es immer so war. Etwas muss davor gewesen sein, doch ich kann mich nicht daran erinnern. Nur die Ruinen einstiger Tempel geben Zeugnis einer lange verschwundenen Zivilisation. Nichts hält mich an diesem verfluchten Ort. Keine Bindungen, keine Geschwister, keine Familie und kein Volk. Trotzdem gibt es kein Entkommen, ob ich will oder nicht: Ich ziehe weiter durch die Wüste.

Dieses Land ist nicht für Menschen gemacht. Es will mich loswerden und verhindern, dass ich mich weiter in ihm bewege. Der Treibsand giert danach, mich zu verschlingen. Gemäuer drohen mich unter sich zu begraben, wenn ich in ihrem Schatten Zuflucht suche. Ich treffe auf Schluchten, die nicht zu überqueren sind und mich zur Umkehr zwingen. Ich kann nicht sagen, ob ich vorwärts komme, oder mich nur in Kreisen bewege. Die Sonne scheint alles wegbrennen zu wollen, was sich an der Oberfläche befindet und wenn sie untergeht, ist die Kälte kaum auszuhalten.

Nachts, wenn mein Feuer aus vertrockneten Hölzern lodert, kann ich in der Ferne eine Art Heulen hören, vielleicht sind es auch verzerrte Schreie. Es klingt nicht nach Mensch oder Tier. Ich habe den oder die Verursacher noch nie zu Gesicht bekommen, ich fürchte mich trotzdem vor dem Tag, an dem das geschehen sollte. Ich habe auf meiner Reise nichts Lebendes angetroffen, außer diese elenden Pflanzen, die überall zu wuchern scheinen. Ich frage mich, wie sie das schaffen. Ich rücke näher ans Feuer und zwinge mich dazu, zu essen. Die Pflanzen sind die einzige Nahrungsquelle in dieser mörderischen Steppe und auch sie sind nicht für mich bestimmt. Ihre purpurnen Früchte rauben mir kurze Zeit nach dem Verzehr die Sinne und ich verfalle in eine tiefe, die ganze Nacht über andauernde Trance.

Meine Augen öffnen sich und ich sitze auf der Spitze eines gewaltigen Berges. Es gibt nichts zu tun, außer als mit den Bäumen, den Pflanzen, den Tieren und den alten Göttern in Kontakt zu treten. Ich spüre sie. Es fühlt sich alles so vertraut an, aber können sie auch mich verstehen? Von meinem erhöhten Aussichtspunkt kann ich in der Ferne eine Stadt im Tal erahnen. Sie wird ganz von Nebel umschlossen und obwohl die Sonne unaufhörlich brennt, liegt sie in tiefem Schatten. Während ich die Stadt beobachte, verschwindet sie und eine riesige Staubwolke wirbelt an ihrer Stelle auf. Es dauert, bis sich diese verzieht, doch was ich dann zu sehen bekomme, ist noch seltsamer als all meine anderen Visionen und lässt mich seitdem nicht los: Die Stadt erhebt sich samt des Bodens von der Oberfläche und steigt langsam in die Lüfte. Nebel und Schatten haben sich verzogen und ich habe freie Sicht auf die schwebende Landmasse. Ich sehe Grün wohin das Auge reicht. Ich sehe intakte Bauten, Pyramiden und Tempel. Vögel fliegen über dieser Insel in den Himmeln. An ihren Rändern ergießen sich Wasserfälle, die bis auf den trockenen Boden unter ihr niedergehen. Ich muss aufbrechen, mich in Richtung dieses Wunders bewegen, doch weit komme ich nie. Die Vision fängt an zu verblassen und ich finde mich wieder in meinem kargen und staubigen Dasein. Die Nachwirkungen der Pflanze halten noch Stunden an. Mein Magen rebelliert, mein Kopf droht zu platzen und ich befinde mich in einem unangenehmen Zustand zwischen Rausch, Umnachtung und Realität. Ohne die Pflanze müsste ich sterben und so esse ich sie Nacht für Nacht. Ich habe keine Ahnung, wie lange mein Körper das noch mitmachen wird. Ich schleppe dieses Knochenwrack weiter, bis es im Wüstensand auf Grund geht.

Ich habe nichts und somit auch nichts zu verlieren. Ohne diesen Traum, die Vision einer Stadt in den Lüften, hätte ich aber bestimmt schon lange aufgegeben. Manchmal überkommt mich eine unsinnige Hoffnung, dass es die Stadt tatsächlich geben könnte, dass ich ihr schon ganz nah gekommen bin, dass ich sie bald wirklich finde. Mein Hochgefühl trägt mich weiter und ich esse tagelang nicht von den Früchten, um schneller voranzukommen, doch irgendwann verliere ich fast das Bewusstsein vor Hunger und Erschöpfung. Ich habe keine Stadt gefunden. Ich muss essen. Ich laufe in Kreisen.

Ich habe keinen Namen, nicht mehr als einen Traum und ganz egal ob es mir gelingen wird, den mystischen Ort meiner Visionen zu finden: Ich kann niemals ruhen. Eines Tages verwandle ich mich zu Staub und ziehe weiter über diese Welt ohne Frühling, wie ich es bereits im Leben tat.

Empty Temples (audio) – The Sword

Professionelles Konzertfot von The Sword am 11.09.15 im Luxor

Konzertbericht: The Sword am 11.09.2015 im Luxor Köln

Vorgeplänkel

Es ist 18:30 Uhr und ich sitze allein im Luxor. Weil halb 7 eine ganz normale Zeit für ein Metalkonzert an einem Freitag ist, stehen die paar Anwesenden, welche den Hinweis auf den pünktlichen Beginn wirklich Ernst genommen haben, lieber noch so lange wie möglich vor dem Club herum und trinken ihre Kiosk-Biere gemütlich im Sonnenschein. Weil ich allerdings keine Freunde habe, Heute nichts trinken kann und intensiv Recherche betreibe, sitze ich lieber drinnen in einer dunklen Ecke und weiß nicht recht, was ich mit mir anstellen soll. Durch Muße und Kontemplation wird sich mir aber vielleicht noch erschließen, was man bei einem Konzert machen kann, ohne eine Buddel in der Hand zu halten. Öfter mal was Neues. Obwohl man Konzertberichte normalerweise nur deshalb liest, um mehr über sozialen Inkompetenz des Autoren zu erfahren, möchte ich mich an dieser Stelle nun doch, wenn es denn genehm sein sollte, einigen unumstößlichen Fakten dieser hier zu behandelnden Musikdarbietung widmen. Wohlan.

[DRIVERS INC]

Gegen 19 Uhr (von wegen: „Bitte beachtet den pünktlichen Beginn an Freitagabenden!“) betreten [DRIVERS INC] aus Kaiserslautern / Mannheim die Bühne und der vordere Teil des Luxors füllt sich zunehmend. Die vier Musiker leisten einen mehr als ordentlichen Job als Anheizer und bringen den Laden mit ihrer Mischung aus Rock, Alternative und verschiedenen Spielarten des Metal trotz der frühen Uhrzeit in Konzertlaune. Ihre Songs bestehen aus wuchtigen und vertrackten Riffs und Grooves, in den Refrains trauen sie sich aber auch an eingängigere Melodien heran. Diese Mischung funktioniert erstaunlich gut, was auch der Saal so sieht und es der Band mit gepflegtem Kopfnicken quittiert. Besonders ihr Frontmann weiß mitzureissen. Wenn er an die Belastungsgrenzen seiner Stimme geht, hört er sich fast an wie Billy Idol zu seinen besten Zeiten. Kurz vor Ende teilt er mit, dass es ihnen eine besondere Ehre sei, für The Sword als Vorgruppe zu spielen. Leider habe man aber den Fotografen “an den Alkohol verloren“ und würde sich deswegen über ein paar Fotos des Auftritts freuen. Nach einer guten halben Stunde treibender Rockmusik verabschieden sich [DRIVERS INC] und weisen noch auf ihr brandneues Video hin, das in den kommenden Tagen auf Youtube Premiere feiert.

Exkursion: Stange Wasser wegstellen

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Ich verabschiede mich auch und verschwinde unauffällig zur Toilette. Ich habe gute Laune, gleich gibt es schließlich The Sword zu sehen, aber dann fällt mein Blick auf ihn: Der Klomann. Man verstehe mich richtig: Ich rede hier einzig und allein von der besonders schlimmen Variante. Dieses Exemplar sitzt extra mitten im Türrahmen auf seinem Klappstuhl, dass ich erst halb über ihn hinüberkraxeln muss, um überhaupt in die Toiletten zu gelangen. Dabei werde ich doof von oben nach unten angestarrt, aber trotzdem penetrant freundlich gegrüßt: >>Guten Abend!<< Ich habe inzwischen gar keine Lust mehr zu Pinkeln, ich wollte es mir eigentlich eh gerade abgewöhnen, aber wo ich jetzt sowieso schon einmal hier bin… Nach getaner Arbeit steuere ich auf das Waschbecken zu und dann kommt es richtig Dicke: Dieser Hüter des Porzellans hat augenscheinlich seine höchste Entwicklungsstufe erreicht. Er ist der Megazord, der Glurak, der Overlord, der unumstrittene König seiner Spezies: Es gibt kein Papier am Waschbecken. King Klomann muss es dem sich Abwaschenden erst persönlich reichen, aber nicht jeder ist dazu auserkoren. Für den geringen Betrag von mindestens 50 Cent wird King Klomann aber auch dich für würdig erachten und dir das heilige Recycling-Leinen in die nassen Hände drücken. Nicht mit mir! Ich biete dieser Dreistigkeit die Stirn, nuschele leise >>Nein Danke…<<, denke dann aber ganz laut und intensiv >>Muahahahahah!!!<< und trockne meine Hände demonstrativ an meiner Kleidung ab, die zum Glück aus Textilien besteht, welche mit einer kleinen Menge Flüssigkeit fertig werden können. >>Nimm das Klomann!<< koste ich innerlich meinen Sieg aus, während ich über ihn hinwegsteige und hinter mit lasse wie Moses einst das Rote Meer. Nach dieser von mir erstklassig gemeisterten Odysee hat mich der Konzertsaal wieder.

The Sword

Die Roadies bauen bereits die Bühne um und machen einen kurzen Soundcheck, der von dem mittlerweile prall gefüllten Luxor mit Applaus und Johlen begleitet wird. Jetzt werden noch jeweils drei Biere feinsäuberlich nebeneinander auf die Verstärker der Bandmitglieder gestellt. Die Roadies schauen sich um, wirken zufrieden und geben dann mit der Taschenlampe das Signal zum Beginn in Richtung Pult. Die Lichter erlöschen und Spannung macht sich in der Dunkelheit breit. Auf welche Weise werden die psychopharmakologisch angehauchten Musikschamanen von The Sword die Bühne betreten? Werden sie in dunkle Kutten gehüllt, noch schwärzer als schwarz, Grabnebeln entsteigen und hereinlevitieren? Werden sie aus dem Nichts apparieren? Werden sie auf den blutigen Händen nackter Jungfrauen hineingetragen? Nein, nichts von alledem geschieht. Stattdessen startet ihr Konzert, wie jede gute Metal-Show, ganz klassisch und Glenn Frey’s  „The Heat is On“ ertönt aus den Boxen:

https://youtu.be/thcdOE9iHwQ?t=19s

Wenn man da nicht Bock auf eine Portion retrofuturistischen Doom- und Stonermetal bekommt, dann weiß ich auch nicht mehr. Das Publikum ist nach diesem Knaller jedenfalls schon frenetisch am Feiern. Jetzt erschallt das Intro “Unicorn Farm“ ihrer aktuellen Platte “High Country“, The Sword betreten unter tosendem Applaus die Bühne und legen sofort mit dem neuen “Buzzards“ los. Es ist brachial laut, der Sound ist mehr als fett und The Sword befinden sich heute Abend in Höchstform. Ohne Pause geht es weiter mit “Tres Brujas“, einem der zahlreichen Hits ihrer mittlerweile schon über 10 Jahre andauernden Karriere und jetzt hält es keinen Nacken mehr Senkrecht. Die Zuschauer gehen voll ab und auch der Boden des Luxors beginnt begeistert mitzuschwingen.

The Sword beweisen, dass man als Band nur die Basics benötigt, um ein fantastisches Konzert abzuliefern: 2 Gibson-Gitarren, 1 Fender-Bass, 1 minimales Drumset. Man braucht keine riesigen Banner, Boxentürme, Feuerwerke, Konfettikanonen, Trampoline oder großen Worte um die Menge mitzureißen. The Sword zeigen eindrucksvoll, dass gutes Songwriting, ausgefeilte Riffs, gedoppelte Leadgitarrenläufe und eine perfekt eingespielte Rhythm-Section viel wichtiger sind. Überhaupt erlebt man selten eine so tighte Live-Band: Zwischen die Parts der Instrumentalisten passt kein Stück Papier und das macht ihren Sound so tonnenschwer und hart.

Auch die Setlist weiß zu begeistern: Klassiker wie “Freya“ von ihrem ersten Album “Age of Winters“, “Arcane Montane“ von “Apocryphon“ aus dem Jahre 2012, genügend frisches Material wie “Tears Like Diamonds“ oder die aktuelle Single “High Country“, aber auch B-Seiten wie “Hexenringe“ kommen darin vor. So hört sich ein runder Auftritt an, der Querschnitt der gesamten Karriere ist und nicht nur Marketingveranstaltung für ein neues Album. Zwar konnten einige engstirnige Fans mit dem neuen Stil auf “High Country“ nicht viel anfangen, aber die sollten sich selbst ein Bild von den Live-Qualitäten der neuen Tracks machen. Es ist vermutlich das beste Material, was The Sword bisher geschrieben haben und von der Bühne wirken die Songs sogar noch ausgeklügelter, als auf der ohnehin schon gelungenen Platte.

Nach knapp 75 Minuten verlassen The Sword zum ersten Mal die Bühne. Obwohl sie während des Konzerts lautstark gefeiert wurden, dauert es jetzt einige Zeit, bis sich wieder genügend Stimmung aufgebaut hat, um die Band noch einmal hervorzulocken. Nach zwei weiteren Arschtritten und damit insgesamt knapp anderthalb Stunden “Auf-die-Fresse“ ist dann aber wirklich Schluss. Ich werde langsam mit der herausdrängenden Masse mitgeschoben, lege noch einen Halt am Merchstand ein, kann meinem Kleiderschrank aber leider nichts hinzufügen. Es gibt keine schwarzen Shirts in meiner Größe. Mit meiner merkwürdigen Statur muss ich mich aber wohl oder übel damit abfinden. Das ging mir schon des Öfteren so. Verständlich, dass man keine Shirts in M da hat, was ja bekanntlich für Minderheit und Mega-ungewöhnlich steht. Der Großteil der Leute hat schließlich S oder XL. T-Shirtlos trete ich also meine Heimreise an. Zuhause angekommen, merke ich durch das Klingeln auf den Ohren und das Grinsen auf den Lippen, dass ich gerade bei einem richtig geilen Konzert dabei sein durfte.

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Albenschreiben 17 – Lindemann: Skills In Pills

Meine Damen und meine Herren: Ich gehe angeln. Was es zu fangen gibt, ist ungewiss. Irgendwas werde ich sicher an Land ziehen. Was für Monstrositäten versteckt die dunkle See vor meinen Blicken? Ich beginne mit dem Ködern. Die Rute steht. Meine Ausrüstung ist vollständig und gut gepflegt. Nichts beißt an. Es geht nie um den Fang: Es geht ums Angeln.

Wenn du es nicht fühlst oder es nicht kannst, hast du einfach nicht die richtigen Ergänzungsmittel genommen. Wo sind meine Supplemente? Wie soll ich schreiben? Tabletten-Connaisseur und Pulver-Guru. Balance halten, die richtige Mischung finden. Wenn du es nicht willst, dann lass dich auch zu nichts überreden: Hör auf dein Bauchgefühl. Weiterlesen